Einundzwanzig

Ich bemerkte, dass ich bereits aufgewacht war. Die Projektionsuhr warf 4:47 in roten Ziffern an die Zimmerdecke. Schwerfällig lehnte ich mich über den Rand des Bettes und ertaste den Schieberegler der gelben Deckenlampe.
Der Raum war nach wie vor ein Kuriositätenkabinett meiner Kindheit: Die alte Motivtapete, Piratenschiffe und Haifischflossen abwechselnd, das Harry-Potter-Poster von damals. Ganz damals, als man sich noch hatte vorstellen müssen, wie er wohl aussieht. Neben den abgenutzten Gesellschaftsspielen hatte meine Mutter sogar eine dieser grünen Plastikkisten aufbewahrt.
Ein klobiger Militärfallschirmspringer hing über den Rand. Bereits nach seinem ersten Flug hatten sich die Fäden hoffnungslos verheddert.
Das einzige, was sich hier grundlegend verändert hatte, waren die elektrischen Jalousien. Damals waren es noch diese klapprigen Stangen gewesen, die ständig aus der Fassung brachen. Jetzt fuhr eine Zeitschaltuhr die Rollläden zu einprogrammierten Zeiten hoch und runter.
Mein Mund war trocken und rau. Ich spürte jede einzelne Geschmacksknospe auf meiner Zunge.
Normalerweise tat ich so etwas nie. Nachts aufstehen und etwas trinken.
Bis zu dieser Nacht hatte ich es für eine dumme Angewohnheit todgeweihter Filmfiguren gehalten.
Wackelig stieg ich aus dem Bett, knickte seitwärts ein und fiel auf die Knie.
Mein Herz raste. Schlaganfall. Schlaganfall. Schlaganfall.
Ich ließ mir den Ausdruck in allen Variationen auf der trockenen Zunge zergehen.
Hirnschlag. Gerinnsel. Thrombose. Blut in meinem Kopf.
Natürlich musste es hier passieren. In der Stadt fühlte ich mich auch nicht wohl, aber hier war es immer am schlimmsten. Als läge ein Fluch auf diesem Zimmer. Inzwischen war ich fast davon überzeugt. Vorsichtig richtete ich mich auf und hoffte festzustellen, dass es sich um ein dummes Missverständnis meiner Nervenbahnen handelte.
Mein Knie knickte erst schmerzlos nach innen, dann nach außen und ich lag wieder auf dem kratzigen Spielteppich.
Als ich als Kind darauf gespielt hatte, hätte ich nie geahnt, dass ich als Erwachsener mal so viel Angst haben könnte.
Meine Hände tasteten nach meinem Oberschenkel. Ich spürte nichts, gar nichts. Ein widerlicher Schauer überkam mich.
Ich betrachtete das filzige Straßengeflecht und musste an eine Geschichte denken, die mir ein Bekannter mal erzählt hat. Dessen Lehrer hatte nämlich eine Schwester, die mit Jemandem liiert war, dem auf der Autobahn eine Ader im Kopf geplatzt war. „Ein Gefühl als liefe dein Kopf voll“ hatte irgendjemand irgendwann mal gesagt. Unglücklicherweise hatte dies einen tödlichen Autounfall zur Folge. Doch selbst wenn er die Karambolage überlebt hätte, versicherten die Ärzte, wären die verbliebenen Jahre nicht lebenswert gewesen.
So etwas sieht man nicht kommen, hatte der Bekannte mir gesagt und beteuert, dass es immer und überall passieren könne.
Ich wollte die Anekdote eigentlich im Hinterkopf behalten, um mich nie sicher zu fühlen und im Falle eines Falles nicht allzu überrascht zu sein.
Doch trotz der guten Vorsätze traf es einen immer wieder eiskalt.
Erneut versuchte ich auf beiden Füßen zu stehen und stütze mich an der Zimmertür ab.
Im Flur war es viel kälter. Geradeaus lag das alte Bürozimmer meines Vaters, rechts das Bad. Im Wohnzimmer waren inzwischen alle Spuren der Geburtstagsparty verwischt worden.
Nicht wieder. Ich konnte es wirklich nicht schon wieder tun und erst recht nicht heute. Ich stolperte in den winzigen Raum, klammerte mich an das Waschbecken, lehnte mich nach vorne und starre meinem Spiegelbild in die Augen.
Freunde hatten letztens eine ungewöhnliche Weitung meiner Pupillen festgestellt. Manchmal war sogar eine Seite größer oder kleiner als die andere gewesen. Und da Augen angeblich in direkter Verbindung zum Gehirn stehen, war das sehr beunruhigend.
Heute Nacht sahen sie aus wie gewöhnliche Pupillen. Mir wurde schwindelig. Ich konnte schon bei den Untersuchungen nie genau sagen, ob es sich um Drehschwindel, Lagerungsschwindel oder Ohnmachtsschwindel handelte.
Eine Milliarde Symptome führen zu einer Millionen tödlicher Krankheiten und eine Millionen Krankheiten führen zu einer Milliarde schmerzhafter Therapien mit doppelt so vielen Nebenwirkungen.
Ich verspürte den Drang auf die üblichen Tests: Beide Augenlider ließen sich separat schließen, die Stirn gleichmäßig krausen und das Schlucken funktionierte problemlos. Als hätte ich es mir antrainiert, schossen mir wieder die gleichen Gedanken durch den Kopf: Ich habe noch nichts geschafft.
Normalerweise benutzte ich keine großen Worte, doch in diesen Augenblicken schien es mir die einzig mögliche Ausdrucksweise. Ein unangenehmes Kribbeln durchfuhr mein linkes Bein. Es wachte gerade auf.
Ich klatschte mir beide Hände voll kaltem Wasser ins Gesicht.
Nur eingeschlafen. Konnte passieren. Ich war erleichtert, dass mein Leben heute Abend wohl doch kein jähes Ende finden würde und freute mich gleichzeitig, dass ich meine Mutter nicht aus dem Schlaf gerissen hatte.
Damals waren wir spät nachts ins Auto gestürmt und mein Herz hatte gerast, als würde es jeden Moment implodieren.
Draußen war es warm und dunkel gewesen und wir waren durch den nächtlichen Windpark gefahren. Das gleichmäßige, fast meditative Aufblitzen der roten Warnlichter hatte mich beruhigt – trotzdem war es keine schöne Erinnerung.
Langsam kehrte das Blut in meinen Oberschenkel zurück und ich trottete schlagartig beruhigt, fast schläfrig in mein altes Zimmer.
Unter der Bettdecke griff ich nach meinem Handy, dass ich während des Schlafens stets in Reichweite hielt um im Fall der Fälle wichtige Nummern wählen zu können.
„Schwindel linkes Bein eingeschlafen Pupillen normal“
„Ich würde Dir raten Dir nicht allzu viel Sorgen zu machen. Ich hatte die selben Symptome wie Du und es hat sich am Ende als seltene Entzündung des Kieferknochens herausgestellt. Angeblich stand mir das Wasser bis zur Stirn. Ich habe die Diagnose erst seit gestern, vielleicht wird man meinen Kiefer operativ entfernen müssen. Man hat mir allerdings gesagt, dass diese Erkrankung sehr selten ist, also mach Dir keine Sorgen.“
Ein ungutes Gefühl machte sich zwischen meinen Augen breit.
„Ich würde Dir eine ausgewogenere Ernährung empfehlen. Außerdem verspannt sich deine Nackenmuskulatur durch das ganze Sitzen – treib etwas Sport und meditiere, um dein inneres Gleichgewicht zu finden. Es gibt da gute Übungen im Internet“.
Das sind Probleme, mit denen ich mich jetzt noch nicht auseinandersetzen musste. Die Hauptsache war, dass ich etwas Zeit gewonnen hatte.
Doch ich kannte mich; ich wusste, dass ängstliche Versprechen in panischen Momenten keinen Wert hatten.
Ich würde gleich einschlafen und meine guten Vorsätze vergessen. Denkwürdig zu sein und etwas Beeindruckendes zu Schreiben oder zu Filmen oder zumindest mal zu Sagen, bis mich der nächste imaginäre Herzinfarkt oder Schlaganfall einholte.
Und dann würde ich es wieder vergessen und das Leben weitergehen, bis ich irgendwann wirklich krank würde. Nein, dieses Mal wäre es anders.
Ich stand auf und ging zum Schreibtisch. „Schreiben“ kritzelte ich mit einem Kugelschreiber auf meine Handinnenfläche und fügte „Halsnasenohrenarzt“ hinzu, nachdem ich einen beunruhigenden Bericht über Gleichgewichtsnerventzündung gelesen hatte.
Im alten Zimmer hatte ich immer das Gefühl, dass sich nichts verändert hatte. Ich war immer noch ein unbeschriebenes Blatt, ein kleiner Junge, Kind meiner Eltern.
Ich dimmte das Licht der Lampe und sah wieder die Ziffern über meinem Kopf: 4:57.
Ich schlief ein.
Fast hatte ich sie vergessen, die elektrischen Jalousien. Jeden Morgen um acht Uhr und jeden Abend um 22 Uhr.
Hartes, weißes Licht fiel in mein Zimmer und beleuchtete jeden einzelnen Winkel.
Der Raum hatte keine Ähnlichkeit mehr mit der stickigen Zeitkapsel der Vornacht und ich konnte mich kaum an etwas erinnern.
Beim Frühstück fiel es mir wieder ein und ich lächelte müde. Nach der Dusche wusch ich mir ausgiebig die Hände und schrubbte die oberste Hautschicht gründlich ab. Es wäre mir unangenehm gewesen, wenn das jemand sehen würde.

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