Fünfundvierzig

Unser träges Gespräch wurde durch ein elektronisches Klingelsignal unterbrochen. Man hatte es scheinbar neu installieren lassen. Meine Mutter lugte zur Tür.
„Um diese Uhrzeit?“, stammelte sie künstlich überrascht, stellte ihr kaum befülltes Sektglas ab und verschwand hastig im Flur.
Ich wippte in schnellen Takten mit meinem Knie. „Lass das“ sagte mein Bruder ungerührt, der auf der anderen Seite des Tisches Platz genommen hatte. Ihn schien der nächtliche Besuch nicht besonders zu überraschen.
Obwohl der Raum ungewöhnlich dunkel war, konnte ich erkennen, dass sich das Wohnzimmer sehr verändert hatte. Jedes Foto, jedes hässliche Souvenir und jedes unbedeutende Weihnachtsgeschenk, das irgendwie an meinen Vater erinnert hatte, war durch Dekoration ersetzt worden. Kerzen in jeder Größe und Form, glattgespülte Steine und Sand in flachen Tellern und jede Menge Taschentuchspender im Hoch- und Querformat zierten nun die Regale des neuen alten Wohnzimmers.
Aus dem Flur dröhnten dumpfe Geräusche; das Ausziehen von Schuhen, das Aufhängen einer Jacke, schrilles Lachen einer Frau und das bassige Geflüster eines Mannes.
Allesamt Stimmen, die ich nie zuvor gehört hatte. Es klang, als würde jemand nach langer Zeit nach Hause kommen. Ich warf Jannik einen verunsicherten Blick zu, als durch die milchige Glastür eine kunstblonde Frau mittleren Alters und ein kleiner, stämmiger Mann traten. Letzterer schob ein Mädchen in glänzender Plastikweste an den Schultern vor sich her.
„Du bist also der Hektor?“, fragte mich die Frau. Ich spürte eine unangenehm zutrauliche Hand auf meiner Schulter, während die andere zum Schütteln ausgestreckt wurde. Sie fühlte sich kalt und viel zu weich an.
„Sehr erfreut“.
Sehr erfreut.  Selbst mein Bruder wunderte sich über meine ungelenke Begrüßung.
„Ich hab ja schon viel von Dir gehört. Ich dachte immer, du hättest dunkle Haare. Sah auf den Fotos irgendwie immer dunkler aus“.
Ich zuckte mit den Schultern. „Ich habe auch viel von Ihnen gehört“ log ich.
„Und Du, wer bist Du?“, überging die Frau meine Äußerung. Mein Bruder tat so, als würde er schmunzeln.
„Du kennst meine Späße ja schon“, sagte sie, zwinkerte mehrere Male angestrengt und wandte sich wieder unserer Mutter zu.
Mit einer theatralischen Geste zog sie zwei tropfnasse Flaschen, eingehüllt in schwarzen Kühlmänteln, aus ihrer Tasche und überreichte sie feierlich.
Auch ich hatte Sekt mitgebracht, nur hatte die Tankstelle ausschließlich lächerlich kleine Füllmengen geführt. Und einen Kühlmantel hatte ich auch nicht dabei gehabt.
Bibs holte reichlich Sektgläser aus der Küche; sie schien genau zu wissen, wo sie zu finden waren.
„Ich bin der Roland und das ist die Dana“, stellte sich der grauhaarige Mann vor. Sie hatten sich beide auf die Couch gesetzt, Rolands linke Hand lag bestimmt auf dem Oberschenkel seiner Tochter. Die beiden waren vermutlich ein familiäres Anhängsel dieser Frau. Aufgrund des fehlenden Lichts fiel es mir schwer, die beiden Fremden einzuschätzen.
„Sehr erfreut.“
Ich hatte es wieder getan.
„Auch sehr erfreut.“
Am liebsten hätte ich mich dafür entschuldigt.
Bibs überreichte mir ein bis zum Rand gefülltes Sektglas. Laut des Etiketts war er nur für Frauen geeignet.
„Auf die nächsten Fünfundvierzig!“
Fünfundvierzig. Ich hatte die genaue Zahl gar nicht gewusst. Ich fragte mich, ab welchem Alter man nicht mehr „Auf die nächsten…“ sagen konnte oder sollte. Der Sekt war unangenehm sprudelig. Jannik hatte vorsichtig daran genippt und schob ihn mir nun über den Tisch hinweg zu.
„Ach Bibs! Das wäre aber wirklich nicht nötig gewesen, mitten in der Nacht! Mensch!“
„Ach!“ widersprach Bibs.
„Ach!“ wiederholte meine Mutter.
„Ach“.
Vielleicht hatte sie sie irgendwann mal erwähnt. Im Grunde war es unerheblich; ich hätte es sowieso wieder vergessen.
„Ich lasse meine beste Freundin doch nicht alleine, an ihrem Geburtstag.“
Ich fuhr zusammen. Meine Mutter hatte nie etwas wie eine beste Freundin gehabt. Wir waren doch das gewesen, das einer echten Freundschaft am nächsten kam.
„Dana ist in Deinem Alter! Gerade frisch zwanzig geworden.“
Ich war mir nicht sicher, welche Art der Reaktion von mir erwartet wurde und wieso das Mädchen überhaupt in unserem Haus aufgetaucht war. Rolands Griff um ihren Schenkel verfestigte sich.
„Ach, Niki, jetzt mal ganz ehrlich; wir haben schon ordentlich einen im Tee. Dana hat uns hergefahren.“
Mein Vater war der Einzige gewesen, der sie Niki genannt hatte. Aus seinem Mund hatte es nur halb so albern geklungen. Und urplötzlich empfand ich enormes Mitleid für dieses autofahrende Mädchen.
„Turn the pain into power“, sagte Bibs und dass man „im Regen tanzen solle“ und irgendetwas über die „Kunst des Lebens und des Glücklichseins“; abgedroschene Allerwelts-Weisheiten aus dem Internet.
Ja, ohne Frage, jemand hatte sich um sie gekümmert. Plötzlich kam ich mir naiv vor, weil ich geglaubt hatte, ich hätte sie durch drei halbstündige Telefonate ausreichend getröstet.
Irgendwann hatte diese Frau – Bibs – sich meinem Bruder und mir zugewandt und uns erklärt, dass Niki ihr unendlich viel bedeute. Dann hatte sie uns Werbegeschenke des Malereibetriebs überreicht, den sie mit ihrem Mann führte. Es handelte sich um eine sehr kleine Taschenlampe mit eingebautem Feuerzeug im Griff. Vielleicht war es auch andersherum gedacht.
Ich hatte wohlwollend genickt, Jannik hatte abgelehnt, mit der Begründung dass er bereits mehr als genug davon besaß.
„Findet ihr es nicht auch ein bißchen dunkel?“ erkundigte ich mich.
„Nein, ist doch gemütlich“.
Daraufhin verabschiedete Jannik sich, da er noch mit einer Freundin aus der Nachbarschaft verabredet war.
Liebe braucht keine Ferien mit Jude Law! Ich finde Jude Law ja normalerweise total doof, aber hier war er echt sexy!“
„Der hat das schon gut gemacht“, pflichtete Roland ihr bei.
Bibs lehnte sich zu mir hinüber und schlug einen künstlichen Flüsterton an.
„Als ich den Roland kennengelernt habe, war er eine Mischung aus Robert Redford und Al Pacino“.
„Redford hat viele schöne Filme gemacht“, warf Roland geistesabwesend ein. Ich versuchte angestrengt irgendeinen seiner Gesichtszüge zu erkennen.
„Ich finde ja den McConaughey nicht schlecht.“
Ich zuckte erneut zusammen.
„Der hat ein interessantes Gesicht“, führte meine Mutter weiter aus.
So etwas hatte sie noch nie gesagt. Über niemanden.
„Milan hatte aber nicht besonders viel Ähnlichkeit mit McConaughey“, bemerkte Bibs. Da hatte sie recht.
Mir fiel auf, dass auch unsere Wohnzimmeruhr erneuert worden war. Sie tickte jetzt nicht mehr so laut; der Zeiger wanderte in gleichmäßigem Tempo über die Sekundenmarkierungen.
Bibs zückte eine kleine Digitalkamera, vermutlich für ein gemeinsames Foto, dessen ich mich entziehen wollte.
„Ich bin sehr müde von der Fahrt. Ich denke, ich gehe jetzt ins Bett“.
In meiner Vorstellung war der Raum urplötzlich verstummt, in der Realität schien niemand sonderlich schockiert.
„Soll ich das Bett noch schnell beziehen?“ fragte Bibs.
„Nein, ich erledige das“ entgegnete meine Mutter.
„Aber doch nicht an Deinem Ehrentag!“
„Ich mache das schon selbst“ beendete ich die Diskussion – etwas zu energisch, wie ich nachher befürchtete.
„Dann mach doch bitte vorher noch ein Foto von uns“ bat mich Bibs. Ich machte genau ein Foto.
„Gute Nacht!“, sagte Bibs. „Gute Nacht!“, sagte Roland. „Gute Nacht!“, sagte Dana. „Gute Nacht!“, sagte meine Mutter und gähnte.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.