Brot

Ich betrat das schlauchige, weiß gekachelte Geschäft und spürte sofort, dass etwas nicht in Ordnung war. Zum ersten Mal seit Jahren war der Fernseher ausgeschaltet, den man links über den Softdrink-Zapfhähnen verschraubt hatte. Die Bedienung – eine junge Frau, die mir seltsam vertraut vorkam und normalerweise gut gelaunt hätte sein sollen – versuchte beschämt meinen Blicken auszuweichen und ihre dunkelrot unterlaufenen Augen hinter ihrem Handrücken zu verstecken. Mit nervösen Wimpernschlägen sprenkelte sie winzige Tränen auf ihre Wange und verteilte diese daraufhin mit Ring- und Mittelfinger.
Zuerst hatte ich ihren Zustand für eine starke allergische Reaktion gehalten, doch ihre hervortretende und stark zitternde Unterlippe ließ keinen Zweifel an ihrer Verfassung.
Ich hielt es für das Beste, sie nicht auf ihre aktuelle Stimmung anzusprechen oder mich gar nach ihrem Namen zu erkundigen, da sie dies wahrscheinlich nur in Verlegenheit gebracht hätte und trat mit einem überflüssigen, aber bestimmten Schritt an die Theke.
Normalerweise dauerte es sehr lange, bis ich mich für die richtige Produktkombination entschieden hatte; der Bedienung zuliebe wollte ich heute auf jegliche Sonderwünsche verzichten und das Geschäft so schnell wie möglich hinter uns bringen.
„Hallo“ begann ich. „Hallo“ antwortete die junge Frau. Ihre Stimme war brüchig und heiser.
„Ich hätte gerne die Nummer 4“ sagte ich und legte meinen flachen Fingerabdruck auf die Abbildung an der gewölbten Glasscheibe vor mir.
Das Mädchen nickte, ohne dabei zu mir aufzuschauen und schöpfte aus dieser Geste reichlich Motivation, nun ihrem Beruf mit größtmöglicher Professionalität nachzugehen.
Behutsam öffnete sie den Glasschrank an der Hinterwand und wollte gerade eines der Brote herausziehen, als sie von einem Gedanken unterbrochen wurde.
Sie war sichtlich verärgert darüber und schüttelte ungläubig den Kopf. Dann drehte sie sich zu mir um – ihre Augen hatten sich weiter verdunkelt – und fragte: „Welches Brot?“
„Ganz egal.“ sagte ich, weil ich davon ausging, ihr damit einen Gefallen zu tun. Das Gegenteil schien der Fall zu sein, denn die Entscheidung überforderte sie sichtlich, eine Brotsorte auszuwählen, die überhaupt empfehlenswert war und das angemessene Mittelmaß zwischen gewöhnlich und exotisch traf.
Vielleicht, so überlegte ich wohlwollend, waren ihr die Brote vorhin auf den Boden gefallen und sie versuchte nun das Laib für mich auszuwählen, dass am saubersten war oder den Boden im besten Fall gar nicht erst berührt hatte.
Schließlich griff sie trotzig in ein beliebiges Fach und wählte die einzige Brotsorte, die ich nicht mochte, ein gelbliches, käsig riechendes Brot mit Sesam und Kümmel auf der Kruste. Sie begab sich zu der, hinter der transparenten Theke ausgestellten Arbeitsfläche und begann, das Brot längs mit einem gezackten Messer aufzuschneiden. Sie stellte sich dabei derart ungeschickt an, dass ich es kaum ertragen konnte, dabei zuzusehen.
Das Messer drang höchstens bis zur Hälfte in den Teig und ließ sich dann scheinbar nur unter höchster Anstrengung wieder herausziehen. Als es ihr schließlich gelang, rutschte der ganze Laib aus ihren Händen und wäre fast in einen der Lebensmittelbehälter gefallen.
Der zweite Stich durchstieß die Rückwand des Brotes und verteilte Krümel auf der ganzen Arbeitsplatte und darüber hinaus.
Spätestens beim dritten Stoß wurde deutlich, dass der seitliche Einschnitt aus dem Verhältnis geraten und die obere Hälfte deutlich dicker geworden war, als die untere.
Gerade als sie dazu ansetzte, diese Ungleichmäßigkeit mit einem weiteren Schnitt zu korrigieren, trat ein Mitarbeiter des Geschäfts aus der unwirklichen Dunkelheit der Küche unmittelbar hinter ihr.
Er hatte vermutlich schon etwas länger dort gestanden – vielleicht schon seitdem ich das Geschäft betreten hatte – und die Arbeit des Mädchens beobachtet.
An seinem Gesicht war abzulesen, dass er die gleiche innere Unruhe verspürte, wie Ich. Nichtsdestotrotz gab er sich größte Mühe, mich freundlich zu begrüßen.
Als das Mädchen die Anwesenheit ihres Kollegen bemerkte, zuckte sie zusammen und begann erneut und ohne Vorwarnung zu schluchzten, den Mund breit aufzureißen und die Augen schmerzverzerrt zusammenzukneifen. Dicke Tränen rollten über ihre Wangen und ich hatte mit ziemlicher Sicherheit gesehen, dass eine davon in das Innenleben meines Brotes getropft war.
Der Mann setzte dem Mädchen eine Kappe auf, auf deren Schirm der Name „Mona“ gedruckt war. Eine unbestimmte Erinnerung blitzte in mir auf und war genauso schnell wieder verschwunden. Der Vorgesetzte selbst trug keine der Kopfbedeckungen, sondern eine faltige Glatze.
„Guck mal“ sagte der Vorgesetzte mit ruhiger Stimme und legte vier Plastikhandschuhe auf die Arbeitsplatte.
Mit einer gekonnten Bewegung schlüpfte er in eins der Paare und prüfte mit einem Zangengriff, ob er sich gut darin bewegen konnte und alles an der richtigen Stelle saß.
Dass Mona ebenfalls das Anziehen der Handschuhe Probleme bereitete, wollte ich ihr nachsehen, denn selbst mir bereitete es ab und an Schwierigkeiten.
„Willst Du ein Neues?“ fragte der Vorgesetzte.
„Nein“ antwortete ich reflexartig und stellte dann fest, dass ich doch gerne ein Anderes gehabt hätte.
Das letzte Drittel des Brotes schnitt der Mann mit einer professionellen Leichtigkeit, die sowohl für mich, als auch für Mona sehr befriedigend zu beobachten war.
„Welchen Käse?“.
„Streich“.
Noch bevor ich überhaupt ausgesprochen hatte, hatte sich der Mann das flache Messer geschnappt und mit zwei eleganten Schwüngen die Brothälften gleichmäßig bestrichen.
Mit einer breiten Schippe hob er das Sandwich von der Arbeitsplatte und schob es in den Ofen hinter sich – seit einiger Zeit fragten sie nicht mehr, ob man es getoastet oder weich wollte.
Der Timer auf dem Display der Ofentür verriet, dass die Kruste in 45 Sekunden seine optimale Härte erreicht hatte.
Die Lüftung knisterte in die unangenehme Stille hinein. Mona hatte sich zwar wieder beruhigt, ihre Augen jedoch ihren Höchststand der Reizbarkeit erreicht.
„Die Zwiebeln“ sagte der Vorgesetzte.
„Bitte?“
„Sie hat die Zwiebeln geschnitten“ scherzte er und deutete mit seinem Daumen über die Schulter auf seine Kollegin. Erst jetzt fiel mir sein seltsamer Dialekt auf, Schwäbisch vielleicht.
Es war schwer zu beurteilen, ob er es tatsächlich gut mit ihr meinte oder sich über sie lustig machte. Als der Alarm des Ofens ertönte, zog er sich wieder ein Stück in Richtung des Türrahmens zurück und überließ Mona die letzten Arbeitsschritte.
Im Grunde konnte sie beim Belegen des Brotes nicht viel verkehrt machen, jetzt wo sie schon die Handschuhe trug.
„Welche Soße?“.
Ich war irritiert.
„Süße Zwiebel“.
Ein Zucken ihrer Hand verriet, dass sie fast nach einer der weißen Tuben gegriffen hätte.
„Ich meine, was möchtest Du für Gemüse?“
„Ich nehme alles“ sagte ich, unsicher ob dies einen Vor- oder Nachteil für die Herstellung darstellte und falte meine Hände hinter meinem Rücken.
Ich musste feststellen, dass Mona nun unter der Aufsicht ihres Vorgesetzten alle Arbeitsschritte mit einer enormen Behutsamkeit ausführte und jede Gurke, jedes Salatblatt, sogar jeden Zwiebelring einzeln und mit viel Bedacht auf den Brothälften verteilte.
Ihr Kollege schien währenddessen hochkonzentriert und wechselte zwischenzeitlich sogar seine Position, um das Brot und die darin operierenden Hände besser sehen zu können.
Das Verhältnis der einzelnen Zutaten zueinander war sehr ungleichmäßig. So bekam ich sehr viele Tomaten, dafür aber nur drei Scheiben Gurke, unzählige, dicke (und wie sich später herausstellen sollte, bittere) Salatblätter, aber kaum Paprika und zum Schluss eine ganze Hand voll scharfer Schoten, die normalerweise nur sehr spärlich verwendet wurden.
„Welche Soße?“
„Süße Zwiebel“ wiederholte ich mit Nachdruck. Die einzelnen Soßentuben standen dicht nebeneinander in einer tiefen Metallablage und sahen von oben vollkommen identisch aus.
Wenn man noch unerfahren in dieser Arbeit war, war es womöglich sehr schwierig, diese auseinanderzuhalten. Ich hatte also Verständnis dafür, dass Mona jede einzelne Tube aus dem Fach zog um die Beschriftung zu studieren, nicht allerdings dafür, dass sie, als sie die „Süße Zwiebel“ gefunden hatte, nur eine hauchdünne Schicht, kaum mehr als einen Film auf das Gemüse hinuntertropfen ließ, der sich geschmacklich wohl kaum gegen die Vielzahl an Schoten durchsetzen würde.
Ich wunderte mich, dass der Vorgesetzte sie nicht korrigierte, wollte aber keinen unnötigen Ärger machen und beließ es dabei.
Mona klappte das Brot mit einer erschöpften Finalität zusammen, schenkte mir einen unbestimmten Blick und erwartete offensichtlich eine Reaktion.
„Danke“ sagte ich irritiert und versuchte, das Fragezeichen zu unterdrücken.
„Ich mach die Kasse“ sagte der Mann und es lag ein gnädiger Tonfall in seiner Stimme, als habe er ihr somit das Leben gerettet. Mona wandte sich peinlich berührt ab und wollte wieder in der totalen Dunkelheit der Küche verschwinden, als ihr Vorgesetzter ihre Schulter in letzter Sekunde mit seinen Handschuhen streifte.
„Kannst Du das Gleiche noch mal machen, bitte?“
Sie hielt einen Moment inne, nickte schließlich und begab sich wieder zu dem Glasschrank voller Brote.
Ich nahm an, dass es sich dabei um eine Übung oder Demütigung oder beides handeln musste, da ich abgesehen von mir keine anderen Kunden im Geschäft ausmachen konnte.
Der Vorgesetzte übergab mir mein Sandwich und nahm mein Geld an. Ich verabschiedete mich und verließ das Lokal.
Draußen lehnte ich mich außer Sichtweite gegen eine Hauswand, entfernte die komplizierte Verpackung des Brotes und biss in das besser geschnittene Ende.
Ich kaute eine Weile, denn das Brot entzog meinem Mundraum einen Großteil seiner Feuchtigkeit, schluckte schließlich und warf den Rest in den nächsten Mülleimer.

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