Knochen

Zuerst war mir Felix‘ Anwesenheit im Zimmer gar nicht aufgefallen. Ich hatte die annähernd menschlichen Konturen für leere Kleidungsstücke gehalten, die jemand geordnet über die Lehne des Ohrensessels gelegt hatte. Nach längerer Betrachtung jedoch bemerkte ich die flachen Hände, die – wie nach einem langen Bad verschrumpelt – aus den Ärmeln des Kapuzenpullovers hervorragten. Ich konnte mein Erschrecken nicht verbergen und wich instinktiv einen Schritt zurück.
Felix wirkte wie eine ausgehöhlte Version seiner selbst; ein Ballon, dem die Luft vollkommen entwichen war. Sein Schädel, sofern er noch etwas Ähnliches besaß, war mit einem Stoffgurt an die Stuhllehne gezurrt und hatte mit Sicherheit die Hälfte seines Umfangs eingebüßt. Seine Gesichtszüge hatten zwar ihre ungefähre Anordnung beibehalten, hingen allerdings lose nach unten und lagen teilweise schon auf seiner flachen Brust auf. Es war schwer einzuschätzen, wie viel Körper sich unter der Kleidung befand, es konnte sich jedoch kaum um mehr handeln, als ein doppelt gefaltetes Handtuch.
Ich befürchtete, meine Reaktion könnte ihn gekränkt haben und bemühte mich um ein unbekümmertes und natürliches Auftreten.
„Felix!“ rief ich, ging auf den Sessel zu und streckte ihm die Hand entgegen. Mehrmals versuchte dieser seinen rechten Arm zu heben, gab es jedoch nach wenigen Zentimetern auf und ließ ihn kraftlos zurück auf die Lehne fallen.
Ich beschloss die Initiative zu ergreifen und schüttelte seine Hand, die dabei vollkommen aus ihrer Form geriet und verdreht in seinen Schoß zurückfiel.
Schnell korrigierte ich die Position und legte sie hastig zurück auf die Lehne. Sie war nicht nur viel zu leicht, sondern auch unangenehm elastisch. Ich hatte einen schlaffen Händedruck schon immer als unangenehm empfunden.
„Wie geht es Dir?“ fragte ich und ließ mich lässig auf das Sofa gegenüber fallen. Mir fiel auf, wie kalt das Leder dieser Wohnzimmergarnitur war und dass sich das damals auch immer gedacht hatte. Selbst wenn in dem Kamin ein Feuer gebrannt hatte, war dieses Wohnzimmer außerordentlich kalt gewesen.
Felix‘ Lippen zitterten und seine Zunge schien wiederholt rechts an die Innenseite seines Gesichts zu schlagen. Er bereitete sich zweifellos darauf vor, etwas zu sagen.
„Gut“ hauchte er mit einer zahnlosen, kaum wiederzuerkennenden Stimme. Ich war mir nicht sicher, ob er es mit einem ironischen Unterton gesagt hatte. Felix war schon immer ein sarkastischer Typ gewesen.
„Ja? Schön“. Ich rieb meine Oberschenkel, damit mir endlich warm wurde und fügte hinzu „Mir geht es auch okay“.
Felix und ich hatten uns eine lange Zeit lang als beste Freunde bezeichnet, also kannte ich ihn sehr gut. Er hatte schon immer mehr Probleme als die Anderen gehabt, die Schule war ihm schwerer gefallen, das Verhältnis zu seinen Eltern war angespannt und er war lange Zeit sehr orientierungslos gewesen, was sein zukünftiges Berufsleben anbelangte.
Aus diesen Gründen hatte er wohl den Kontakt zu mir und ein paar anderen Freunden abgebrochen, deren Leben etwas reibungsloser verlaufen war. Wir hatten zu enthusiastisch über die Universität und unsere Jobaussichten gesprochen. Aber ich hatte aus meinen Fehlern gelernt und sprach ihn nicht mehr offen auf seine Probleme an.
„Skelettmetastasen“ sagte er unter größter Anstrengung.
„Was?“
„Sie haben alles entfernt. Jeden Knochen. Zwölf Operationen“.
„Aha“ sagte ich interessiert.
Ich hatte schon in vielen Filmen gesehen, dass Menschen in schwierigen Situationen zu viel Mitleid als anstrengend und erniedrigend empfanden. Ich sah mich in der Pflicht, der einzigartige Freund sein, der ihn nahm wie er war und seiner Krankheit nicht viel Beachtung schenkte.
„Und sonst so? Was macht die Ausbildung?“
Felix‘ antwortete nicht. Dieses mal bemühte er sich nicht ein mal. Ich schien einen wunden Punkt getroffen zu haben und entschloss, dieses Thema nicht weiter zu verfolgen. Er hatte schon immer Probleme mit Pünktlichkeit gehabt und befand sich sicher im Streit mit seinem Ausbilder.
„Der Ausbilder, stimmt’s? Arschloch“.
Ich presste meine Lippen zusammen und schüttelte ungläubig den Kopf.
Felix‘ Mutter betrat das Wohnzimmer durch den Torbogen, der das Esszimmer und den Flur abgrenzte. Damals hatte sie mir immer Angst eingejagt, mit ihrer strengen und kompromisslosen Art. Ich hatte nie das Gefühl gehabt, wirklich willkommen zu sein. Inzwischen schien sie weicher geworden zu sein, nachgiebiger. Ich fand, das stand ihr sehr gut.
„Ich habe ganz vergessen zu fragen; kann ich Dir was bringen? Was zu trinken?“
„Oh, einfach ein Glas Wasser bitte, mit Sprudel wenn sie’s da haben. Willst Du auch was?“
Felix schwieg.
Seine Mutter nickte und verschwand wieder in der muffigen Dunkelheit des Flurs.
„Mein Studium ist ’ne ganz schöne Plackerei“.
Ich sah mich vor, nicht zu selbstzufrieden zu klingen.
„Ich bin fast fertig, mir fehlt eigentlich nur noch die Abschlussarbeit. Es ist richtig ätzend. Ich will voraussichtlich im Februar damit fertig sein und sie Ende März vorstellen. Es wird wahrscheinlich eine Katastrophe, aber Du kannst vorbei kommen, wenn Du magst“.
Ich erhielt keine Antwort und war zugegebenermaßen ein wenig gekränkt, dass sich sein Interesse für mich so in Grenzen hielt.
„Hast Du noch was mit Kevin und Hendrik zu tun?“. Er senkte seinen Blick.
„Nein“.
„Schade. Ich hätte gerne gewusst, was sie so machen“. Felix leckte sich die Lippen. Sie waren sehr trocken. Er hatte oft Probleme mit trockenen Lippen gehabt. Ich erinnerte mich daran, wie er jedes mal gewitzelt hatte, er habe ein Mädchen zu lange oral befriedigt. Ich überlegte ob ich ihn darauf ansprechen sollte, aber tat es nicht.
Ein erneutes Mal schien das Gespräch an einem toten Punkt angelangt.
„Hast Du vor, bald in eine eigene Wohnung zu ziehen?“
„Wie stellst Du Dir das vor?“ fragte er deutlich gereizt.
„Naja, Du packst Deinen Kram zusammen, suchst Dir eine günstige Wohnung, vielleicht was in Lüdenscheid, machst es Dir gemütlich…“
„Ich habe keine Knochen, ich kann mich nicht bewegen.“
Er schien plötzlich gekräftigt, ich hatte für einen kurzen Augenblick seine alte Stimme wiedererkannt. „Wie soll ich umziehen? Wie soll ich alleine leben?“
„Ach“ begann ich leicht verunsichert, „Was Du kannst und was Du nicht kannst, bestimmst ganz alleine Du“.
Felix blickte irritiert drein.
„Ich habe letztens ein Zitat gelesen, ich weiß nicht mehr von wem, aber es hat mir so gut gefallen, dass ich es aufgeschrieben habe. Es ging irgendwie so“.
Ich ordnete meine Gedanken.
„Wenn Du jemals eine helfende Hand brauchst, schau an Deinem Arm hinab“.
Felix sah an seinem Arm hinab.
„Und wenn Du älter wirst“ fügte ich hinzu, „bemerkst Du vielleicht, dass Du noch eine zweite Hand hast, um anderen zu helfen“.
Meine Strategie schien aufzugehen. Er dachte offensichtlich angestrengt nach. Meine Worte mussten irgendetwas in ihm ausgelöst haben.
„Und eins will ich Dir sagen“, begann ich und lehnte mich nach vorne „ich war letztens bei Marcel in Oldenburg. Du weißt schon, aus der Parallelklasse, wir waren zusammen in der Theater-AG. Und du glaubst nicht wie dick er geworden ist, es sieht wirklich unappetitlich aus und außerdem ganz schön ungesund. Ich habe ein Foto mit ihm gemacht“.
Ich holte mein Handy heraus und suchte danach.
„Geh jetzt bitte“ sagte er und es gelang ihm irgendwie, den Sessel leicht einzudrehen, um an die gegenüberliegende Wand starren zu können.

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