Die Seite

Vor einiger Zeit ist mir eine Asymmetrie in meinem Erscheinungsbild aufgefallen. Meine Nase krümmt sich leicht nach links und auch die Haare scheinen auf dieser Seite weniger vorteilhaft zu fallen. Meine linke Augenbraue ist etwas kürzer als die andere; nicht auffällig kurz, aber wenn man davon weiß, kann man es kaum mehr übersehen. Ein guter Freund vermutete dahinter sogar eine ernstzunehmende Krankheit. Wenn ich lächele, krümmt sich lediglich der rechte Mundwinkel, während der linke, wie es Schlaganfallpatienten beschreiben, regungslos auf seiner Position verbleibt. Bei genauerer Betrachtung ist das ganze Hautbild auf dieser Seite etwas unausgeglichen, im Winter zu trocken und im Sommer zu fettig und die Poren insgesamt etwas gröber. Auf meiner linken Schläfe befindet sich die kreisförmig vertiefte Narbe einer Pockenerkrankung aus meiner Kindheit. Mir selbst fällt sie kaum mehr auf und ich werde nur dann daran erinnert, wenn mich jemand darauf anspricht.

Nun ist mir natürlich bewusst, dass sich jeder Mensch in gewisser Weise einbildet, eine vorteilhaftere Seite zu besitzen. Diese landläufige Eitelkeit lässt sich aber wohl kaum mit den messbaren biologischen Tatsachen in meinem Gesicht vergleichen.
Obwohl ich inzwischen nicht mehr daran glaube, dass es einen spezifischen Grund für dieses enorme Ungleichgewicht gibt, oder dass ich, selbst wenn es einen gäbe, dazu im Stande wäre, diesen zu verstehen, drängen sich bei der Inspektion meines Körpers stets die selben Bilder aus meiner Kindheit auf. Ich erinnere mich daran, wie ich Tag ein Tag aus in meinem Zimmer an meinem Schreibtisch saß und das Sonnenlicht durch das Fenster auf meine rechte Hälfte fiel, während die linke in der Dunkelheit des Hauses verschwand.
Wie bereits gesagt, ich glaube nicht, dass dies etwas zu bedeuten hat, vor allem weil ich davon ausgehe, dass es sich eher um etwas Metaphysisches handelt, das sich wohl kaum durch so eine profane Anekdote zufriedenstellend erklären ließe.

Nun möchte ich klar stellen, dass mich diese Kleinigkeiten allesamt nicht wirklich belasten, ganz im Gegenteil, ich bin mit dieser Asymmetrie eigentlich sogar sehr zufrieden. Mir wurde von unterschiedlichsten Personen bestätigt, mein einseitiges Schmunzeln wirke auf sie „verschmitzt“ und „schelmisch“, nicht auf eine bösartige, sondern jungenhafte Art. Auch ist der Begriff „melancholisch“ gefallen, als ein mir entfernt Bekannter versuchte, die Wirkung genauer zu beschreiben.
Natürlich freue ich mich über Bemerkungen wie diese, denn obschon ich kein makelloses Bild abgeben kann, möchte ich zumindest interessant aussehen – wohl wissend das „interessant“ oft ein Deckwort für äußerliche Mängelerscheinungen ist.
Nun ist mir aber vermehrt in letzter Zeit auf Fotografien – in den meisten Fällen handelte es sich um Situationen, in denen ich nicht wusste, dass eine Aufnahme von mir gemacht wurde – aufgefallen, dass dieses spezielle Lächeln und mein Gesicht ihre ambivalente Wirkung natürlich nur voll entfalten können, wenn man sie von der richtigen Perspektive aus betrachtet.
Dieses Phänomen gilt nicht nur für die linke, sondern zu meinem Leidwesen auch für die rechte Hälfte. Sieht man lediglich meine rechte Hälfte, wirkt selbst die kleinste Geste übertrieben und unehrlich, meine gesamte Mimik verzerrt und theatralisch. Diese Erscheinung ist jedoch harmlos, vergleicht man sie mit der isolierten Betrachtung meiner linken Seite. Abgesehen von den kleinen kosmetischen Makeln liegt eine Ausdruckslosigkeit auf ihr, die selbst den wohlmeinendsten Menschen sehr unsympathisch, wenn nicht sogar ein wenig unheimlich erscheinen muss.
Natürlich werde ich nie darauf angesprochen, das wäre wohl auch sehr unhöflich. Ich selbst bringe es manchmal in Anwesenheit mir vertrauter Menschen zur Sprache. Diese versichern mir, es finde sich nichts Außergewöhnliches an mir, aber selbstverständlich sind auch sie bemüht, mich nicht zu verletzen und demnach keine objektiven Beobachter.

Seitdem ich mir meiner schwierigen Lage bewusst geworden bin, hat sich mein öffentliches Auftreten wesentlich verkompliziert. Lassen Sie mich ein einfaches Beispiel nennen:
Laufe ich mit Jemanden über den Bürgersteig, dann versuche ich selbstverständlich, zu seiner Rechten zu bleiben und ein unauffälliges Verhalten an den Tag zu legen. Das ist lange nicht so einfach, wie es zuerst klingen mag und sorgt des Öfteren für Verwirrung. So zum Beispiel, wenn meine Begleitung ebenfalls eine präferierte Seite zu besitzen scheint und diese nicht aufgeben möchte. Diese Kämpfe, seien sie bewusst oder unbewusst, können sich über Straßenblocks, ja ganze Wanderwege hinziehen und belasten mich in dem Maße, dass es mir schwer fällt, mich auf die jeweiligen Gespräche zu konzentrieren. Ich suche dann manchmal nach einer Ablenkung auf der anderen Straßenseite oder bleibe kurz stehen und täusche vor, irgendetwas zwischen meinen Füßen zu beobachten. Dieses Manöver hat meine Begleitung im besten Fall gar nicht bemerkt und wenn ich schließlich wieder aufhole, haben wir die Plätze getauscht.
Wenn es sich bei dieser Person um ein Mitglied meiner Familie oder einen engen Freund handelt, versuche ich manchmal, ein paar Schritte Vorsprung zu gewinnen, mich zu ihr umzudrehen und den Rest des Weges rückwärts zu bewältigen. Dies hat bereits mehrmals zu kleinen Stürzen und unangenehmen Zusammenstößen geführt, deswegen werde ich in Zukunft versuchen, es zu vermeiden.
Da in unserem Teil der Welt die Autos vom linken vorderen Sitz aus gesteuert werden, insistiere ich stets darauf, das Mobil fahren zu dürfen. Obwohl ich wohl behaupten kann, ein recht zuverlässiger Fahrer zu sein, ist dies natürlich nicht immer möglich und nur verständlich, dass mir kaum bekannte Personen nicht ihr Auto anvertrauen wollen. In diesem Fall setze ich mich auf den hinteren rechten Rücksitz. Für den Fall, dass das Auto keine Rücksitze besitzt, fahre ich mit dem Bus.

Im Großen und Ganzen lassen sich solche und ähnliche Situationen mit ein wenig Übung ganz gut meistern.
Schwieriger wird es bei mehr als einer Person, zum Beispiel einer Gruppe wartender Passanten an einer roten Ampel. Oft stoßen neue Fußgänger noch in den letzten Momenten hinzu und ich sehe mich gezwungen, mich auf ihrer linken Seite zu positionieren. Ich bin mir bewusst, dass mein Verhalten einen merkwürdigen Eindruck auf die Menschen machen muss. Diese haben jedoch keine Vorstellung von der Wirkung, die meine linke Hälfte auf sie hätte und würden rückwirkend ohne Frage die – zugegeben umständlichen – Positionierungsversuche vorziehen.
Solche Situationen sind natürlich nicht selten und lassen sich beliebig variieren, gerade auf der Arbeit gerät man ständig in die verschiedensten Konstellationen von Menschen und fühlt sich unweigerlich nackt und ausgeliefert.
Das Ganze hat aber ebenfalls positive Aspekte; ich habe Schlangen, sei es im Ladenlokal vor der Kasse oder der Bücherei, schätzen und genießen gelernt.

Es gibt leider ebenfalls Situationen, in der meine zahlreichen Strategien an ihre Grenzen gelangen. Bildet sich auf einer Feier oder ähnlichen Anlässen ein Kreis, Oval oder andere Formation von Menschen, ist es mir kaum möglich meine linke Seite vor allen Anwesenden zu verstecken, sodass ich mindestens einen, meistens aber zwei Menschen vollkommen verschrecken muss.
Ich ziehe es in diesem Fall vor, meine Energie nicht unnötig zu verschwenden und meine Konversation mit ihnen auf ein Minimum zu beschränken. Ich nicke dann nur höflich oder gebe vor, ihre Kommentare aufgrund der Lautstärke überhört zu haben.
Es bleibt mir nichts anderes übrig, als zu akzeptieren, dass diese Menschen für mich und ich für sie verloren bin.

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