Der Zeuge Jehovas

Ein Zeuge Jehovas klingelt an meiner Tür. Ich habe diese Hausbesuche immer für ein Schreckgespenst der Erwachsenenwelt gehalten, kann mich daran erinnern, einmal meinen Schulfreunden von einer solchen nervenaufreibenden Begegnung erzählt zu haben, obwohl sie nie stattgefunden hat.
Es handelt sich bei meinem Besuch um einen gepflegten Mann höheren Alters, einen Lederrücksack fest um den Torso gezurrt, ein parfümierter Geruch von ihm ausströmend. Er möchte mich einladen, sagt er, in seiner Hand hält er einen Flyer mit der Überschrift „EINLADUNG“ in schwarzen Druckbuchstaben, darüber die obligatorischen Malereien lachender Anzug- und Blusenträger in einem Zimmer aus Glas. Hinter diesem Glas befindet sich ein weiteres, identisch aussehendes Zimmer, ebenfalls aus Glas, dahinter die Umrisse eines Nadelwaldes. Im Vordergrund steht ein Mann, der ebendiese Broschüre, die ich nun in der Hand halte, in der Hand hält.
Ob ich christlich sei, möchte der Zeuge wissen, ich sage nein, aber füge hinzu, dass sich dies vielleicht ändern könne, denn ich habe ein tatsächliches Interesse an seinen Argumenten.
Ohne weitere Umschweife beginnt ein langsamer, aber professioneller Vortrag, die Begeisterung für seine Sache ist ehrlich empfunden, ich nicke in regelmäßigen Abständen, lehne mich an den Türrahmen und überschlage meine Beine.
Der Zeuge hat offenkundig das rhetorische Stilmittel der Analogie für sich entdeckt und reizt dieses bis zur absoluten Unverständlichkeit aus.
Jesus ist ein Handwerksmeister, wenn man sein Auto reparieren lassen möchte, bringt man es in eine Vertragswerkstatt, man braucht eine Blaupause, wenn man etwas bauen möchte, ein Betriebssystem ist auch nach Neustart des Computers nicht verschwunden, die Bibel ist eine Betriebsanleitung, der Rest nur Belletristik, generell liegen Genetik und Informatik nah beieinander und die Informatik kennt keine Zufälle, die 10 Gebote sind eine Excel-Tabelle, die er mit dem Finger an die Wand meines Hausflures zeichnet. „Das ist alles sehr bildlich“ sage ich und schäme mich unmittelbar danach für den Sarkasmus im Angesicht eines derart offenen und wohlwollenden Menschen.
Ich merke, dass mir schwindelig wird, dass mich eine Gänsehaut überkommt, bei all den Emotionen, die so glaubwürdig auf mich hereinprasseln. Ich bin es nicht gewöhnt, im direkten Kontakt zu denjenigen zu stehen, die man „die Konservativen“, „die fundamentalen Christen“ nennt, über deren neuestes Youtubevideo man weise den Kopf schüttelt.
Immer wieder tritt er ein paar Schritte zurück und überprüft etwas auf der Straße. Ich vermute, er sei mit dem Fahrrad unterwegs, doch der Vorhof ist leer, kein Gefährt weit und breit. Ich befürchte einen Kollegen, der in sicherem Abstand wartet und sich im entscheidenden Moment dazuschaltet, doch auch sein Auftritt bleibt aus.
„Gott hatte ein Volk, die Juden“ beginnt er verschwörerisch, beugt sich nach vorne und obwohl sich inzwischen kaum mehr zwanzig Zentimeter Abstand zwischen uns befinden, verstehe ich von dem nachfolgenden Geflüster bloß den Wortfetzen „die Deutschen“.
Unsicher sage ich, dass ich diesen Vergleich nicht verstehe. Der Zeuge erklärt mir, dass viele Katastrophen der Menschheit auf die Deutschen zurückgingen, seit den 1870er Jahren, ich nicke, zwar nicht wissend, aber erleichtert, nicht Teil eines neuen göttlichen Volkes zu sein.
Obwohl nun alles gesagt scheint, will sich das Gespräch nicht recht auflösen. Mein Gesprächspartner ist hartnäckig und geschickt: Sein jeweils finaler Satz enthält Verweise auf weitere streitbare Ansichten, vieles provoziert eine Nachfrage, die ich ihm nicht verwehren kann.
Schließlich verlässt mich mein Zeuge wieder. Der blumige Geruch jedoch steht weiterhin im Treppenhaus. Später werde ich feststellen, dass der Frühling in die Stadt eingezogen ist und die komplette Straße parfümiert hat. Zumindest das ist also ein Klischee: Dass alte Leute immer süßlich riechen.

Ungefähr zwei Monate nach unserem Gespräch klingelte er erneut an meiner Tür. Ich hatte in diesem Augenblick Besuch, dem die Situation sichtlich unangenehm wurde, weswegen er sich in meine Küche zurückzog und einige Tassen spülte.
Es gäbe zwei Pfade: Einen vielbegangenen und einen richtigen, erklärt er mir in einer seltsam unmotivierten Defensivhaltung und die Menschen lachten oft über die Wanderer auf dem richtigen Weg. Ich erwiderte, dass ich nicht über ihn lachte.
„Ich finde es doch cool, dass sie das machen“ ringe ich mir ab und ernte ein nachsichtiges Lächeln.
„Ich kann ein bißchen Gedanken lesen. Ich spüre da eine Distanz“ sagt er und deutet auf die tatsächliche Distanz zwischen uns. Heute ist er in der Mitte des Flures stehen geblieben.
Ich wehre mich erfolglos gegen diese Unterstellung und das Gespräch findet ohne Umwege zurück in ihren alten Fluss. Lügen, das sei nicht nur bei VW verboten, sondern auch im echten Leben, erläutert er in einem Zusammenhang mit irgendetwas und ich erwidere, dass ich leider keine Zeit für ihn habe, denn mein Besuch hatte begonnen, das bereits gesäuberte Geschirr erneut abzuspülen.
„Na gut, aber sie haben darüber nachgedacht. Es hat sie beschäftigt. Das merke ich“. Ich mache dieses Zugeständnis und als Gegenleistung verabschiedet sich der Zeuge und schließt die Tür hinter sich.

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