Miami Beach

Als Europäer ist man ja davon überzeugt, das Leben in den USA sei irgendwie unbeschwerter, das Essen schneller und besser verdaulich, die Baumaterialien leichter, die Stimmung ausgelassener. Wir glauben, die Abwesenheit antiker Geschichte habe eine befreiende Wirkung auf das dekadente Art-Déco-Stadtleben. Tatsächlich ist das Gegenteil der Fall, dachte ich bei meinem ersten Besuch der Vereinigten Staaten.
Obwohl der Himmel über Miami Beach wirklich größer als zu Hause und die Farben der Sonnenauf und -untergänge ungleich intensiver sind, machte all dies einen schwerfälligen, wenn nicht bedrohlichen Eindruck auf mich.
Das Stadtbild besteht aus bündig aneinandergelegten Flächen, wie in einem Tangram-Puzzle. Anderswo versucht man, ungenutzte Fläche mit Mustern und Stuck zu überspielen, aber nicht in Miami. Nicht nur die weißen Betonfassaden der Hotels, die Glasverkleidungen der Hochhäuser, die einfachen Bürogebäude, auch der Himmel ist eine Fläche, die träge über der Stadt hängt.
Straßen und Wege präsentieren sich als Fläche. Selbst selten belaufende Fußgängerzonen haben die Größe einer dreispurigen Autobahn. Ab und an sieht man eine verlorene Passantin mit Hund darüber laufen. Der Rasen hinter den Hotels oder Ferienresidenzen ist ebenfalls flächig.

Am Strand entlang führt eine Promenade aus hellrotem Holz, links und rechts eingeschlossen von Palmen, Büschen und Gras, die im Falle einer Flut das Wasser aufhalten sollen. Sporadisch öffnet sich dieser Pfad einem kreisrunden Rastplatz mit Bänken.
Läuft man diesen Weg südlich hinab, blickt man auf eine Reihe imponierender Wolkenkratzer. Läuft man diesen Weg nördlich hinauf, blickt man auf eine Reihe nicht weniger imponierender Hotels. Wendet man sich direkt in Richtung des Stadtinneren, sieht man vermutlich die Hinterseite einer der Ferienanlagen, die mit surrenden Lüftungsanlagen gespickt ist. Der einzige Ausweg dem Massiven zu entgehen, wäre der Blick gen Meer, wenn dieses im Zusammenspiel mit dem aufgedunsenen Himmel nicht mindestens genauso einschüchternd wäre.
Und da man nicht auf seine Füße blicken möchte, beginnt man sich in der Größe und Großartigkeit der Kulisse zu verlieren und wird nur durch sporadische Begegnungen mit durchtrainierten, nassgeschwitzten Joggern in neonfarbenen Leibchen an das Aussehen echter Menschen erinnert.
In solchen Momenten verspürt man dann das Verlangen nach synthetischer Musik, einer traurigen E-Gitarre, es ist wie ein tieferes Verständnis amerikanischer Melancholie.

Natürlich gibt es auch Orte, die sich dem abstrakten Stadtbild widersetzen. Ein Domino-Park in Little-Havanna, in dem Exil-Kubaner ihrem Lieblingsspiel nachgehen. Doch diese Inseln sind höchstens kleine Kratzer auf einer sonst ebenen Stadt.

Nicht weniger erdrückend ist auch das subtropische Klima, das sich wie eine nasse Winterjacke auf den Körper legt.
Über amerikanische Klimaanlagen ist an vielen anderen Stellen geschrieben worden, jedoch lässt sich dem noch die penetrante Parfümierung verschiedenster Hotellobbies hinzufügen. Wenn man zum Beispiel einen Spaziergang entlang des Hotelstrips unternimmt und sich jede der Eingangshallen von innen ansieht, wird man in kürzester Zeit mit verschiedensten Variationen ekelhafter Künstlichkeit konfrontiert; die meisten imitieren Zitroniges.

Über die Menschen lässt sich nur Positives sagen. Unfreundlichkeit gibt es hier nicht, höchstens Ermüdungserscheinungen. Ein Europäer wird plötzlich mit einer Bandbreite zuvorkommenden Verhaltens konfrontiert, die ihm vollkommen neu ist. Es existiert also doch etwas abseits des „eigentlich-nett-wenn-man-bedenkt-dass-es-heute-sehr-warm-ist-und-diese-Person-dieses-oder-jenes-den-ganzen-Tag-machen-muss“.

Wenn man eine der zahlreichen Stadtführungen besucht, sei es auf einem Doppeldeckerbus oder einem Boot, wird einem die Geschichte Julia Tuttles erzählt, einer Unternehmerin im Orangengeschäft, die als Gründerin der Stadt gilt. Außergewöhnlich sei, dass Miami weltweit eine der wenigen Städte sei, die von einer Frau gegründet wurde.
Viel ungewöhnlicher ist allerdings, dass es ein Mensch aus Fleisch und Blut gewesen sein soll, der diese Geometrie-Hausaufgabe, diese Abstraktion, dieses Skizzenbuch von Stadt geschaffen hat.

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